Wie viel Verschnitt anfällt, bestimmt nicht die Fläche, sondern das Verlegemuster, die Raumgeometrie und der Startpunkt des Fugenbilds. Zwei Räume mit identischen Quadratmetern und derselben Fliese liefern völlig unterschiedliche Restmengen – je nachdem, ob im geraden Raster oder im 45-Grad-Winkel verlegt wird, ob das Raster mittig sitzt oder an einer Wand anläuft, und ob der Raum rechtwinklig ist. Wer die Bestellmenge aus Quadratmetern plus pauschalem Zuschlag rechnet und das Muster erst beim Verlegen festlegt, legt die Menge nach der falschen Größe fest.
Der Flur, an den ich dabei denke, sah auf dem Aufmaß harmlos aus. Gut einen Meter zwanzig breit, knapp neun Meter lang, zwei Zimmertüren, eine Wohnungstür am Ende und ein Heizungsrohr, das etwa auf halber Strecke aus der Wand kommt. Der Kunde wollte 30×60-Feinsteinzeug, diagonal. Du stehst mit mir in diesem Flur, die Kartons liegen an der Wand gestapelt, der Nassschneider steht draußen, und wir spannen zuerst eine Schnur von der Wohnungsschwelle zur Stirnwand. Nicht von der Wand aus, sondern von der Linie, die man später sieht.
Und dann wird geschnitten. Bei 45 Grad ist jede Fliese an jeder der beiden Längswände ein Schnitt. Dazu die Türzargen, die Ecken, an denen zwei Schnitte aufeinandertreffen, und das Rohr, um das herum nur eine Bohrung mit passendem Rand funktioniert. Bei Kreuzfuge hätte an derselben Wand ein Teil der Randfliesen ungeschnitten gepasst, weil die Fugenlinien zufällig aufgegangen wären. Dieselben Quadratmeter, dieselbe Fliese, ein anderer Berg in der Ecke.
Der Verschnitt entsteht am Rand, nicht in der Mitte
In der Mitte eines Raums wird nicht geschnitten. Der Abfall entsteht an den Rändern, an Türzargen, in Nischen, um Rohre und an den Übergängen zu anderen Belägen. Das ist die einzige Stelle, an der sich die Menge entscheidet – und es ist dieselbe Stelle, an der das Muster wirkt. Die Fläche sagt dir, wie viele ganze Fliesen sichtbar liegen. Der Rand sagt dir, wie viele Fliesen dafür zerschnitten werden und wie viel davon liegen bleibt.
Das Muster legt fest, wie oft du zum Schneider gehst
Im geraden Raster mit Kreuzfuge laufen die Fugen parallel zur Wand. Der Randstreifen ist an der ganzen Wand gleich breit, du stellst den Anschlag einmal ein und schneidest die Serie herunter. Aus einer 60er Fliese werden dabei in der Regel zwei Randstücke, wenn der Streifen schmaler als die halbe Fliese ist. Und nicht jedes Reststück ist Abfall: Ein 25-Zentimeter-Streifen hinterlässt 35 Zentimeter, die an der gegenüberliegenden Wand oder in einer Nische oft noch passen – aber nur, wenn du beim Schneiden weißt, wohin das Stück geht. Wer jede Fliese einzeln zuschneidet und den Rest wegwirft, verschenkt genau diesen Teil.
Im 45-Grad-Winkel ist jede Wandfliese ein Schnitt, und die Formen wiederholen sich zwar mit dem Raster, sind aber nicht alle brauchbar. Je nach Wandabstand bleiben Splitter von zwei, drei Zentimetern, und die legt niemand. Dazu kommt Zeit: mehr Schnitte, mehr Anpassen, mehr Nachjustieren an der Schnur.
Fischgrät braucht ein Format mit einem Seitenverhältnis von 1:2 – 30×60 oder 15×30 zum Beispiel. An jeder Wand läuft das Muster in einen Sägezahn, und jeder Zahn ist ein Schnitt. Beim Winkel- bzw. Chevronmuster kommen die Gehrungsschnitte an den Stößen hinzu, weshalb es dafür auch Formate mit fertig geschnittener Winkelschräge gibt. Wer das nicht einplant, steht am letzten Tag vor einer Wand ohne Material. Auch Halb- und Drittelverband verschieben den Randzuschnitt gegenüber der Kreuzfuge, nur weniger dramatisch.
Startpunkt: mittig sieht ruhiger aus und kostet Schnitte
Setzt du das Raster mittig, sind die Randstücke an beiden gegenüberliegenden Wänden gleich breit. Das ist der Grund, warum man mittig setzt. Der Preis dafür ist, dass du dir auf beiden Seiten Schnitte erzwingst, wo ein wandbündiger Anlauf auf einer Seite ohne Schnitt ausgekommen wäre. Läufst du umgekehrt an der Sichtkante mit ganzer Fliese an, kann an der gegenüberliegenden Wand ein Streifen von zwei Zentimetern bleiben, der weder schneidbar noch schön ist.
Die Sichtkante ist meistens die Türschwelle oder die erste Fuge hinter dem Eingang, in offenen Grundrissen auch der Übergang zum nächsten Belag. Genau dort fällt eine unruhige Fuge auf. Und genau dort entscheidet sich, wie viele Fliesen du für den Rand opferst. Beides hängt zusammen, und beides gehört vor die Bestellung.
Wenn der Raum nicht rechtwinklig ist
Ein Raum, dessen Wände nicht parallel laufen, verschiebt jede Reihe. Auf neun Metern Länge reichen wenige Zentimeter Abweichung, damit der Randstreifen an einem Ende fünf Zentimeter breit ist und am anderen acht. Im geraden Raster ist das beherrschbar, im Diagonalverband oder Fischgrät musst du jedes Randstück einzeln anpassen – und kannst die Reststücke nicht wiederverwenden, weil keines dem anderen gleicht. Miss deshalb nicht nur die Fläche, sondern die Breite an mehreren Stellen und die beiden Diagonalen. Sind die Diagonalen gleich lang, ist der Raum rechtwinklig.
Dasselbe gilt für jede Unterbrechung. Eine zwanzig Zentimeter tiefe Nische braucht für ihre drei Innenwinkel drei einzelne Stücke. Jede Türzarge schluckt einen Zuschnitt, jede Vorwandinstallation, jeder Abfluss. Bei einer bodengleichen Dusche zwingen Ablauf und Gefälle zu Schnitten, die sich nicht im Raster wiederholen, besonders wenn der Ablauf nicht mittig sitzt.
Große Formate, großer Einsatz pro Schnitt
Bei 60×120 bleibt von einem 15-Zentimeter-Streifen an der Wand ein Rest von 105 Zentimetern. Der lässt sich noch einsetzen, wenn dieselbe Randbreite mehrfach vorkommt. Kommt sie nur einmal vor, sind es 105 Zentimeter Abfall aus einer Fliese von 0,72 Quadratmetern. Bei kleinen Formaten verteilt sich derselbe Fehler auf mehrere Stücke. Große Formate verzeihen weniger: Eine Bohrung für die Armatur, die zwei Zentimeter zu weit außen sitzt, kostet die ganze Platte, ein Bruch an der Kante beim Einbau ebenfalls. Der Verschnitt bei großen Formaten wird nicht durch die Fläche teuer, sondern dadurch, dass ein einzelner Fehler eine große Fläche mitnimmt.
Was vor der Bestellung feststehen muss
Ich mache das in dieser Reihenfolge, und keine Zeile davon ist optional. Erst das Aufmaß mit mehreren Breiten und den Diagonalen. Dann das Muster und die Musterrichtung – bei Fischgrät läuft die Zahnung entweder mit der Raumlänge oder quer dazu, und quer zur langen Achse erzeugt sie an den langen Wänden deutlich mehr Schnitte. Dann der Startpunkt samt Sichtkante. Dann das Trockenlegen: Raster mit Schnur oder Kreide aufreißen, die Randstücke an den kritischen Stellen prüfen, nicht am ganzen Raum. Erst danach die Menge: Fläche plus die Randstücke, die tatsächlich geschnitten werden, plus Reserve als ganze Fliesen.
Der pauschale Zuschlag, den viele Rechner auswerfen, kennt dein Muster nicht. Er rechnet die Fläche hoch und tut so, als wäre der Rand eine Frage von Prozenten. Die Reserve gehört zum Muster, nicht zur Fläche: Bei Diagonal und Fischgrät hältst du sie als ganze Fliesen zurück, nicht als Reststücke – die Reststücke sind schon die Reserve.
Und dann ist da noch die Charge. Fliesen sind nach Kaliber und Farbton sortiert, und beides steht auf dem Karton. Eine Nachbestellung aus einer anderen Charge sieht man im Streiflicht, und viele Formate verschwinden nach zwei, drei Jahren aus dem Programm. Die Reserve also nicht irgendwann, sondern mit der ersten Lieferung.
Am Ende stehst du vor zwei Stapeln: dem, was liegt, und dem, was übrig bleibt. Wie hoch der zweite ist, hast du nicht an der Kasse entschieden, sondern in dem Moment, in dem Muster und Startpunkt festgelegt wurden.